Im Alter von 16 Jahren hatte ich das Glück, gemeinsam mit meinem Vater und einem Freund, rund 480 Kilometer auf dem Jakobswegs zu Pilgern. Dieser dreiwöchige Naturzeit Urlaub zählt heute noch, nach über 13 Jahren, zu einem der Schönsten und Prägendsten. 

Ich schöpfe weiterhin Kraft aus den Erfahrungen und Bildern, die auf der Reise im Sommer 2007 in der Natur entstanden sind. Es geschah ganz automatisch – wie von selbst, als ich mehrere Tage in Folge den Großteil meiner Zeit einfach nur ging. Im Durchschnitt mit circa vier Kilometern pro Stunde flanierten wir im Norden Spaniens über die Pyrenäen. Dabei spürte ich immer bewusster meine Verbindung zur Natur – Urvertrauen. Genau dieses Gefühl von Vollkommenheit, welches ich am intensivsten bei längeren Naturzeiten wahrnehme, zieht mich und auch alle anderen Menschen intuitiv in die Natur.

Naturzeit gegen das Naturdefizitsyndrom

Der Blick über weite Flächen schenkt mir das Gefühl von Sicherheit und entspannt dabei die Augen. Heutzutage verbringt ein Großteil der Menschen sehr viel Zeit vor Bildschirmen, in geschlossenen Räumen und kaum einer kann den Blick ohne Ablenkungen schweifen lassen. (Probiert es mal aus :)) Die Reize werden überflutet von Werbereklamen oder stark bebauten Flächen. In diesem Zusammenhang verwende ich gerne das Wort „Reizüberflutung“. 

Ein Bild, das Baum, Person, draußen, Himmel enthält.

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Abbildung 1: Naturzeit in Wiesbaden (2020)

Insbesondere Kinder, vor allem die kindliche Entwicklung leidet unter den Umständen der heutigen Moderne. Kinder haben kaum noch Freiräume, in denen sie einfach nur spielen und sich frei entfalten können. Alles passiert nach einem durch getakteten Terminplan unter ständiger Aufsicht mit Verbesserungsvorschlägen. Das Ergebnis, perfektionistische Kinder mit wenigen eigenen Erfahrungen und Impulsen.

Ich habe es in meiner Kindheit geliebt den ganzen Tag draußen ohne Aufsicht am Bach zu spielen, auf Bäumen zu klettern und mit Freunden den Wald zu erkunden. Pünktlich zum Abendbrot war ich zu Hause. Die Klamotten waren immer total dreckig und mussten sofort in die Wäsche, dafür strahlten meine Augen vor Glück und mein ganzer Körper freute sich über die gemachten Erfahrungen, von welchen ich mein ganzes Leben profitiere.

Ein Bild, das Baum, draußen, Person, jung enthält.

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Abbildung 2: Klettern im Nerotal (Wiesbaden 2020)

Die Wirkung von Naturzeiten ist unumstritten. Wir alle kennen das wohltuende Gefühl eines Waldspazierganges. Die frische Luft, der Duft der unterschiedlichen Bäume und Pflanzen, das Lichtspiel zwischen den Blättern, all das entspannt uns nachweislich und senkt den Stresspegel. Zu diesem Ergebnis kam ich auch in meiner Bachelorarbeit an der Deutschen Sporthochschule Köln „Waldaufenthalte und das subjektiv wahrgenommene Wohlbefinden – Eine empirische Studie zur Erholungsleistung des Aachener Stadtwaldes“. Bei 238 von 250 Probanden hatte der Aufenthalt im Aachener Stadtwald positive Effekte auf das Wohlbefinden und somit auch auf die Gesundheit. Bereits nach 20 Minuten in naturnahen Landschaften steigt das Wohlbefinden, der Blutdruck sinkt und die Abwehrkräfte des natürlichen Immunsystems werden aktiviert. Der Effekt kann durch längere Aufenthalte oder sportliche Aktivitäten in der Natur gesteigert werden.

Lasst uns deshalb gerne alle gemeinsam mehr Naturzeit erleben 🙂

Waldbetreuung für Kinder

Die nachfolgende Abbildung verwendete ich bereits in meiner Bachelorthesis, die nochmals illustriert wie vielfältig unsere Wälder sind. 

Abbildung 3: Funktionen der Wälder (Umweltbundesamt 2010)

In Deutschland haben wir das große Glück, dass knapp 1/3 unserer Landesfläche aus Wald besteht, d.h. jeder der Erholung, Gesundheit oder die Verbindung zu sich und der Natur sucht, kann in kurzer Zeit in das Ökosystem Wald eintauchen. Für positive Effekte reichen aber auch Aufenthalte in Parks oder naturnahen Flächen. Geht also nach Möglichkeit so oft wie möglich raus, verbringt eure Mittagspausen im Park, macht Spaziergänge und picknickt mit Euren Kindern in der Natur, denn vor allem Kinder profitieren in ihrer Entwicklung enorm von den Freiheiten und den Erfahrungen, welche nur die Natur bieten kann.

Aktuell ermöglichen wir Kindern am Decksteiner Weiher in Köln, die Naturzeit als Freizeit und Erholungsort zu erleben.

Probiert es gerne selber aus, egal ob als Spaziergänger, Wanderer, Jogger, Radfahrer oder Waldbader. Die besten GE(H)DANKEN entstehen bei 4km/h.

„Was du mir sagst, das vergesse ich.

Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich.

Was du mich tun lässt, das verstehe ich.“ 

(Konfuzius) 

In diesem Sinne, lasst uns gemeinsam dem Natur-Defizit-Syndrom (NDS) entgegenwirken!

Corona und Kinder

Insbesondere in der aktuellen Pandemie entfremden sich Mensch und Natur immer mehr. Seien wir doch mal ehrlich, zu den schönsten und prägendsten Kindheitserinnerungen zählen meist Naturerlebnisse bzw. gemeinsame Erlebnisse mit Freunden: Auf Bäumen klettern, in großen Pfützen spielen, Eiszapfen schmecken, Kaulquappen beobachten, am Lagerfeuer sitzen und jedes Wetter zu erleben.

In jedem unserer Naturzeit-Feriencamps habe ich mit Erschrecken feststellen müssen, dass der Großteil der Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben ein Lagerfeuer entzünden. Viele wussten vor dem Camp nicht, dass es so etwas wie Stockbrot gibt. Umso schöner ist es, das Leuchten in den Augen der Kids zu sehen, wenn sie voller Kohle im Gesicht von den Eltern wieder abgeholt werden und von ihren Erlebnissen am Tag erzählen. In den Feedbackrunden zählt das Feuermachen oft zu den Highlights. 

Viele Eltern rufen Tage und Wochen nach den Camps an und bedanken sich noch mal für die Naturzeit und es freut mich jedes Mal zu hören, dass die Kids sich nun jedes Wochenende ein Lagerfeuer wünschen. Viele der Eltern haben auch gar nicht gewusst, dass ihre Kinder abends so zufrieden ins Bett gehen und die ganze Nacht durchschlafen können. 

Zeit in der Natur sorgt für eine positive Erschöpfung und damit für einen guten Schlaf. Verbringen wir mehr Zeit vor dem Smartphone oder dem TV, statt in der Natur, ist es kein Wunder, wenn wir schlecht Schlafen, uns nicht konzentrieren können und häufig krank werden.

Ich freue mich, wenn wir uns bald bei einer gemeinsamen Naturzeit treffen.

Alexander Root, Jan´2021

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